Kettcar
Landungsbrücken raus
Von Florian Weiss / Foto: Stefan Schälle
Gleich zu Beginn hauen sie uns den ersten Song ihres – nicht mehr ganz so – aktuellen 2005er Albums "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" um die Ohren. Ich bin immer wieder vom Gitarristen Erik Langer begeistert. Ich weiss nicht warum, aber bei jedem Konzert geht er so richtig ab und steht trotzdem nicht im Vordergrund damit. "Danke, dass ihr hier keine Deutschland-Fahnen schwenkt" ruft Sänger Marcus Wiebusch zum Auftakt von der Bühne. Sogar als bekennender Fussball-Fan muss die momentane Situation in Deutschland nicht einfach zu ertragen sein.Was man wissen sollte, wenn man ein Kettcar-Konzert besucht, ist schlicht: Sie reden auch mal was. Es soll Leute geben, die bei solchen Gelegenheiten gerne den Satz "Halt die Klappe und spiel Gitarre" intonieren, aber bei den Hamburgern stört mich kein Wort während des ganzen Sets. Im Gegenteil: Es ist manchmal sehr interessant und die Songs beginnen noch mehr zu arbeiten. So geschehen bei "Balkon gegenüber", "Money left to burn" oder auch "Im Taxi weinen". Alle diese Songs habe ich anschliessend noch mehr geliebt, habe noch mehr darin gehört. Auch zu "48 Stunden" sagt Marcus noch ein paar Worte. Ich komme nicht darum herum, hier Thees Uhlmann von Tomte zu zitieren: "Ein Song über die Wahrheit und Wahrhaftigkeit der Liebe und den Schmerz des Verlustes wird auf eine so unaufdringliche Art und Weise dargeboten und dadurch so gross, dass er uns fast den Atem nimmt." Für mich ist es einfach das intensivste Liebeslied der heutigen Musiklandschaft. Danke dafür!
Etwa in der Hälfte des Sets fahren Kettcar endgültig die Landungsbrücken aus und erobern die Festivalbesucher im Flug. Die Band war noch nie eine grosse Partycombo, aber jeder der Anwesenden befindet sich in diesem Moment in seiner eigenen perfekten Welt. Die fünf Hamburger sind vielleicht nicht cool und können es - meiner Meinung nach - auch so bleiben lassen, aber ihre Musik braucht keine aufgesetzte Pose. Die spricht nämlich für sich selber und tut es gewaltig: Manchmal sind es nur kurze Textpassagen, wie "doch auf einmal ist es klar, ich hab sie lang nicht mehr gesehen bei ihm", bei denen man plötzlich die Welt versteht. Und für genau diese Momente liebe ich die Musik der Band und die Leute, die sie machen.
Sie spielen fast das ganze alte Album "Du und wieviel von deinen Freunden" aus dem Jahre 2002, und es scheint sich zu lohnen. Mir kommt es so vor, als dass mehr Leute die alten Songs mitsingen, als bei den neueren Sachen. Auch der Band macht der Auftritt sichtlich Spass. Der Bassist Reimer Bustorff übermittelt dem OpenAir-Publikum noch einen Gruss von Thees, der am Vortag mit Tomte die Bühne bestiegen hatte. Anscheinend bestanden doch einige Zweifel an der Begeisterungsfähigkeit der OpenAir-Besucher für die Band vom Hamburger Label "Grand Hotel van Cleef".
Tja, und solange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende. Die Textzeile aus "Ich danke der Academy" ist ein sicheres Zeichen für das baldige Ende des Auftritts. Wieder einmal haben Kettcar gezeigt, was sie live alles drauf haben. Die Band hat - anders als in Deutschland - sicher kein Gedränge vor der Bühne verursacht, aber die Zuhörer und Zuschauer gehen mit einem glücklichen Lächeln wieder ihrer Wege. Das ist eigentlich die grösste Leistung einer Band, die ich doch eher in einem Klub sehe, obwohl auch auf einer solchen Bühne noch die Emotionen daherkommen. Mit "Nacht" und der anschliessenden Zugabe "Balu", die die zwei Wiebusch-Brüder alleine spielen, verabschieden sich Kettcar. Vielleicht im Winter wieder im Abart? Würde mich sehr freuen, die guten Menschen von Hamburg wieder zu sehen.
